Tage in Cape May

Effie und Henry verbringen ihre Flitterwochen in Cape May, einem verschlafenen Ferienort an der amerikanischen Westküste. Ein Onkel hat ihnen dort sein kleines Ferienhaus zur Verfügung gestellt, nicht ohne Besorgnis, sie könnten das Haus in Unordnung hinterlassen oder ungebührlich viel von den Spirituosen trinken, die im Hause sind. Es ist Herbst 1957, die beiden scheinen die einzigen Feriengäste zu sein, bis zum Beginn der neuen Saison ist Cape May fast völlig verlassen.
Effie drängt auf eine vorzeitige Abreise, es ist zu langweilig, Henry fühlt sich ein wenig gekränkt, ist aber bereit, sich zu fügen. Da entdecken sie, dass doch eines der Nachbarhäuser bewohnt ist, Clara, eine Bekannte Effies aus Kindertagen hat dort einen mondänen Kreis um sich versammelt, den superreichen Max, seine Halbschwester Alma.
Nun ist der Alltag aufgehoben, man verbringt seine Zeit mit Party, Segeltouren, Alkohol, Sex. Wie auf einer Insel in Zeit und Raum bewegen sich die fünf zentralen Figuren des Romans. Wenn draußen der große Krieg beginnen würde – schließlich sind wir in der Hochzeit des Kalten Krieges -, vielleicht würde man gar nichts davon mitbekommen. Nun erscheint auf einmal ein ganz anderes Leben möglich, völlig Freiheit, man muss nur wollen, um dem Leben eine ganz andere Richtung zu geben.
Der faszinierende Gesellschaftsroman zeigt Brüche und Umbrüche der amerikanischen Gesellschaft der 50er, die bieder-spießigen Südstaatler vom Lande, die glamouröse New Yorker Oberschicht, die vor allem um sich selbst und ihre Bedürfnisse kreist, sich an keine Konvention mehr gebunden fühlt. Die konventionellen Werte geraten da schnell ins Rutschen, aber für die Protagonisten stellt sich dann auch die Frage, was es kosteten könnte,  Konvention und Sicherheit tatsächlich aufzugeben – eine Frage, die nicht nur in den 50er-Jahren von Bedeutung war.
Chip Cheek: Tage in Cape May, München 2019, ISBN 978-3-89667-637-5 Hardcover 22,00 [D]

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