Jonas Lüscher, Kraft

Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, möchte sich aus den (finanziellen) Verstrickungen einer gescheiterten Ehe befreien, indem er das von einem Internetmogul ausgelobte Preisgeld von einer Million Dollar gewinnt. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Warum alles, was ist, gut ist und warum wir es trotzdem noch weiter verbessern können.
Kraft reist nach Kalifornien, ins Silicon Valley. Dort soll er seinen Vortrag halten, nach dort hat ihn auch ein alter Freund aus Studientagen eingeladen, der ihn auf den Wettbewerb selbst aufmerksam gemacht hatte.

Während ihres Studiums in Berlin hatten Kraft und sein Freund István, inzwischen Professor an der Stanford University, sich dadurch profiliert, dass sie gegen den linksliberalen Zeitgeist opponiert und das Evangelium von Thatcher und Reagan gepredigt hatten. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal war beiden eine beachtliche akademische Karriere geglückt.
Kraft verbringt seine Zeit in Istváns Institut, aber eine produktive und erfolgversprechende Lösung des Problems will ihm nicht gelingen.
Seine Gedanken schweifen ab, der Erzähler stellt, oft in ironischer Distanz, entscheidende Momente aus Krafts Biographie dar, Willy Brandts Kniefall in Warschau, der sein politisches und literarisches Interesse weckt, den Sturz von Helmut Schmidt und andere Schlüsselereignisse der bundesdeutschen Geschichte. Lüscher gelingt es, diese Momente überzeugend und präzise zu vergegenwärtigen, z.B. den Anflug eines ironisch-bitteren Lächelns von Kohls Sohn in dem Moment, wo sein Vater zum Kanzler gewählt wird. Manche Ereignisse säen bei Kraft Zweifel an seinem neoliberalen Bekenntnis, schon bevor dieses spätestens mit der Kanzlerschaft von Schröder auch in Deutschland zum Mainstream wird.
Aber auch Krafts privater Biographie widmet sich Lüscher, besonders seinen gescheiterten Beziehungen zu Frauen und zu seinen Kindern. Wie seine politische Position eher Staffage als Überzeugung ist, bleiben seine Beziehungen zu Frauen auch oberflächlich. Selbst die in Berliner Tagen intensive Freundschaft mit István ist inzwischen oberflächlich geworden.

Mit Kraft portraitiert Lüscher eine Figur, die nicht sehr zu Identifikation einlädt. Es gelingt ihm aber auf faszinierende Weise das Scheitern Krafts zu schildern und politische Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik seit den siebziger Jahren lebendig werden zu lassen. Dass Figuren wie Kraft und István im akademischen Betrieb reüssieren, die sich vor allem auf das Marketing ihrer selbst verstehen, ist eine weitere Facette der Geschichte, die Lüscher erzählt.

Jonas Lüscher, Kraft, Beck 2017. 237 S., ISBN 978-3-406-70531-1, 19,95 €

Ein Gedanke zu „Jonas Lüscher, Kraft“

Schreibe einen Kommentar