Jewegeni Wodolaskin: Luftgänger

Innokenti Platonow erwacht 1999 in einem Krankenhausbett in Petersburg und hat sein Gedächtnis verloren. Sein deutscher Arzt Geiger bittet ihn, ein Tagebuch zu führen. In dieses Tagebuch finden sich eingestreut Bruchstücke aus Erinnerungen, sodass Geigers Idee, Innokenti über das Tagebuch Zugang zu dem verschütteten Gedächtnis zu ermöglichen, aufgeht. Für den Leser fügen sich diese Bruchstücke zu einer Biographie eines Menschen zusammen, der „so alt ist wie das Jahrhundert“. Wie kann es sein, dass dieser vielleicht Dreißig- oder Vierzigjährige schon Zarenzeit, Revolution und Stalin erlebt hat? Er erinnert sich an seine behütete Kindheit, z.B. an einen Aviator („Luftgänger“), der sich kühn mit einem Doppeldecker bei einer Flugschau in die Lüfte hebt. Innokenti und sein Cousin sind davon völlig fasziniert.
Immer mehr in den Vordergrund treten aber Innokentis Erinnerungen an den Gulag, seine Haft auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer.  Einzelne Momente dieses Lageraufenthalts werden blitzlichtartig mit einer ungeheuren Detailschärfe und Eindringlichkeit beschrieben, etwa der Transport auf einem völlig überfüllten Schiff auf die Insel.
Innokenti wird im Lager zum Versuchsobjekt bei Kryonik-Experimenten, er wird eingefroren und bleibt in flüssigem Stickstoff, bis ihn Geiger 1999 erfolgreich auftaut.
In die Gegenwart der Jelzin-Ära, ihren wilden Neokapitalismus, findet Innokenti nur schwer. Auch wenn er nun berühmt ist und mit absurden Werbeauftritten z.B. für Tiefkühlgemüse überschüttet wird, bleibt ihm die Gegenwart fremd, es ist nicht „seine“ Zeit.
Innokenti kann den Bruch in seinem Leben nur schwer kitten zwischen der Zeit vor dem Einfrieren und der Gegenwart. Das Mittel der Wahl, den Bruch zu überwinden, ist die möglichst genaue Beschreibung konkreter Alltagsituationen, z.B. dem Teeren einer Straße. In diesen Beschreibungen sieht Innokenti die Möglichkeit, etwas von seiner Erfahrung zu transportieren und festzuhalten.
Und da liegt tatsächlich die Stärke von Wodolaskins Roman. In großer Plastizität stellt er seinen Lesern Situationen vor Augen. Innokentis Reflektionen über die Schuld des einzelnen an der Revolution und den Verbrechen in ihrem Gefolge sind dagegen mitunter befremdlich. So präsentiert der Roman Zarenzeit, Revolution, Stalinära und Jelzins Präsidentschaft sozusagen in einzelnen Nahaufnahmen von großer Eindringlichkeit.

Jewgeni Wodolaskin: Luftgänger, Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt,  Berlin 2019, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-351-03704-8, 24,00 €

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